„Lückenpresse“ – Was den heutigen Medien absichtlich fehlt…

Von aikos2309 veröffentlicht von Michael Longerich
Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten. Ist die Kritik an die etablierten Medien berechtigt oder Paranoia á la „Lügenpresse“?
Die etablierten Medien stecken in einer massiven Glaubwürdigkeitskrise. Teile des Publikums proben den Aufstand, öffentliche und veröffentlichte Meinung driften auseinander.
Nicht nur hierzulande, auch in vielen Ländern geraten die angeblichen Leitmedien unter Beschuss. Stein des Anstoßes sind die Inhalte – Stichwort „Lügenpresse“. Doch sind Lügen wirklich das Problem?
In seinem neuen Buch „Lückenpresse„, blickt Ulrich Teusch auf die hiesigen Mainstreammedien. „Der Journalismus, wie wir ihn kannten, wird bald der Vergangenheit angehören“, sagt der Publizist im Interview.
Mit dem Begriff Lückenpresse will Professor Ulrich Teusch, Politikwissenschaftler, Journalist und Träger des „Roman-Herzog-Medienpreises“, auf den in Deutschland inzwischen sehr verbreiteten und polemisch eingesetzten Begriff „Lügenpresse“ anspielen.
Wie er in einem Interview mit Sputnik-Korrespondent Bolle Selke erklärt – und womit er sich in seinem Buch auseinandersetzt — sind plumpe Lügen nicht das Problem der Medien. Das eigentliche Problem sei die Lücke. Er sieht da drei Entwicklungen bei den heutigen Mainstreammedien am Werk:
— Bestimmte relevante und wichtige Nachrichten werden unterdrückt;
— Nachrichten werden in unterschiedlicher Weise gewichtet. Bestimmte Nachrichten werden gepusht, andere werden unten gehalten;
— Bestimmte Nachrichten werden oft tendenziös bewertet. Sie werden also in irgendeiner Weise eingebettet oder mit einem Spin versehen, wenn sie als problematisch gelten. Bei anderen Nachrichten ist das nicht der Fall, diese werden einfach so gesendet oder gedruckt.
Generell beobachtet der freie Publizist immer häufiger, dass bei bestimmten Themen mit zweierlei Maß gemessen werde. Er erläutert weiterhin: „Diese verschiedenen Aspekte hängen zusammen, verstärken sich wechselseitig und können sich dann bei bestimmten Themen, wie etwa der Russland-Berichterstattung oder der Griechenland-Berichterstattung, zu regelrechten Narrativen ausweiten.“
Narrative sind laut Teusch große, journalistische Erklärungs- und Deutungsmuster, die dann für den Mainstream verbindlich werden. Das erleichtere es natürlich, die neu einlaufenden Meldungen in dieses Narrativ einzuordnen. Wenn sie dann zum Narrativ passen, hätten sie gute Chancen, die Schleuse zu passieren. Passen sie aber nicht zum Narrativ, drohe ihnen die Gefahr, dass sie aussortiert werden.
Narrative hält Teusch für journalistisch außerordentlich fragwürdig: „Wenn sich Narrative erstmal etabliert haben, ist es dann auch sehr einfach, dass von Zeit zu Zeit ein bisschen zu steigern, also etwa eine kleine Kampagne zu machen oder das zu regelrechter Propaganda ausarten zu lassen. Das ist meine Hauptkritik an dem medialen Mainstream, der in Deutschland und anderen Ländern existiert.“
Es gebe natürlich Segmente im Mainstream, die er von dieser Kritik ausnehme, räumt der Autor ein:
„Ich unterscheide da zwischen dem Mainstream innerhalb des Mainstreams und dem Mainstream außerhalb des Mainstreams. Dieses innere Segment ist dominant. Das ist also der politik-, staats-, wirtschaftsnahe, oft plakative und tendenziöse Journalismus, den ich kritisiere. Aber es gibt immer auch — bei uns in Deutschland häufig der öffentlich-rechtliche Rundfunk — einen andern Journalismus.“
Ulrich Teusch erklärt in seinem Buch, dass die Narrative strukturell verankert und interessengeleitet sind. Das heißt, es gehe dabei nicht um Zufälle: „Wir leben in einer Zeit mit Krisen, mit Konflikten, mit vielen Kriegen. Die gesellschaftlichen Fliehkräfte und die Polarisierung nehmen zu. Die Frage ist natürlich dann: Wie verhält sich der mediale Mainstream?“
Da kommen dann, so Teusch, die Besitz- und Kontrollverhältnisse ins Spiel. In den USA gab es Anfang der Achtziger Jahre noch 50 Unternehmen, die sich den Medienmarkt teilten. Heute seien es noch ganze sechs, stellt er fest. Diese großen transnationalen Unternehmen seien wiederum nicht so sauber von ihrem Umfeld abgegrenzt.
Es gebe da Verflechtungen etwa mit der Rüstungsindustrie oder mit großen Unternehmen, die auch im Dienste der NSA beispielsweise Massenüberwachungsprogramme machen. Insofern sei es naiv zu glauben, dass diese Verflechtungen nicht auf die Berichterstattung einwirkten würden.
Auch bei der Russland-Berichterstattung beobachtet Teusch sicher, dass es ein Narrativ gibt:
„Das Narrativ ist sehr wirksam geworden mit der Eskalation in der Ukraine, aber es war sicherlich auch schon vorher so, dass das meiste, was aus Russland berichtet wurde mit einem negativen Vorzeichen versehen wurde. Das hat also einen längeren Vorlauf. Ich verwende da in dem Buch den Begriff Präpropaganda, also einen Vorlauf, an den man dann, als der Konflikt mit Russland über die Ukraine eskaliert ist, locker anknüpfen konnte.“
Es musste also niemandem mehr groß erklären, wer die Guten und wer die Bösen waren. Als Bespiel nennt Teusch hier den Mord von Oppositionspolitiker Boris Nemzow. Da wurde, so der Journalist, tagelang und ohne irgendeinen Beweis von allen Medien suggeriert, dass der Kreml dahinter stecken müsse. Günther Jauch fragte in seiner Talkshow, ob Russland nun auf dem Weg in die Diktatur sei. Wenige Wochen später wurde in der Ukraine ein Kritiker des neuen Kiewer Regimes erschossen — das habe aber in Deutschland überhaupt keine Aufregung verursacht und ist von vielen Medien noch nicht einmal gemeldet worden.
Warum die Glaubwürdigkeitskrise der Mainstreammedien unumkehrbar ist
In der europäischen Zentrale einer weltweit tätigen Nachrichtenorganisation laufen an einem einzigen Tag mehr Daten ein, als die ganze Menschheit in den 23 Jahrhunderten zwischen dem Tod von Sokrates und der Erfindung des Telefons hervorgebracht hat. Wer kann aus dieser unermesslichen Fülle eine qualifizierte Auswahl treffen, um über das tägliche Weltgeschehen „objektiv“ zu berichten? Das ist geradezu unmöglich.
In einem Interview mit Kress.de sagte Teusch:
„Es ist doch offenkundig, dass öffentliche und veröffentlichte Meinung auseinander driften. Das Ziel der Berichterstattung wird nicht erreicht. Insofern ist das kontraproduktiv. So bekommt man die Leute nicht. Statt aber umzuschwenken, wird die Propaganda verstärkt, um die Menschen doch noch zu packen. Ich vergleiche das in meinem Buch mit den Volksparteien.
Es öffnet sich eine Schere, die auch unter demokratie-theoretischen Gesichtspunkten nicht unproblematisch ist. Mainstreammedien polarisieren und werden als Teil des Establishments wahrgenommen. Dabei ist es völlig egal, ob jemand nach links oder nach rechts abweicht. Sofern das System herausgefordert wird, positioniert sich der Mainstream aufseiten der Mächtigen. Das können Sie bei der Berichterstattung über Bernie Sanders und den neuen Labour-Chef Jeremy Corbyn genauso beobachten wie bei den Beiträgen über Pegida und AfD. Das kann nicht gut gehen. Wenn der Meinungskorridor immer enger wird, bilden sich Alternativen.“
Totale Glaubwürdigkeitskrise
Teusch konstatierte gegenüber Kress auch: „Sicher werden die Auflagen und die Quoten weiter sinken. Und ich glaube nicht, dass die Medien ihre Glaubwürdigkeit wiederherstellen können. Es gibt viele Erklärversuche für die von mir beschriebenen Defizite der Mainstreammedien; Konformitäts- und Zeitdruck, Abgehobenheit gegenüber den Rezipienten und und und. Das trifft es nur partiell, denn eine entscheidende Frage fehlt: Wie müsste das Mediensystem organisiert sein, um Wahrhaftigkeit zu erzeugen?“
Er schlägt vor: „Wir bräuchten ein reformiertes öffentlich-rechtliches System aus Print- und elektronischen Medien, das der Gesellschaft gehört und das alle Gruppen abbildet. Es müsste unabhängig sein, also ohne Werbung, Parteieneinfluss und Staatsnähe. Von dieser Idealvorstellung entfernen wir uns aber immer mehr. Denn die Mainstreammedien gehören heute Aktiengesellschaften oder Megakonzernen. Und die Öffentlich-Rechtlichen sind immer staats- sowie wirtschaftsnäher und damit abhängiger geworden. Das ist keine gute Voraussetzung für integren Journalismus…“
„Der Fluch der bösen Tat“
Peter Scholl-Latour, einer der wirklich großen deutschen Journalisten, hatte in seinem letzten Buch „Der Fluch der bösen Tat“ auf beeindruckend deutliche Weise mit westlicher Außen- und Sicherheitspolitik abgerechnet. Ob Russland, Ukraine, Syrien, Libyen, Irak, Iran, Israel, Türkei, Ägypten, die Golfstaaten – stets hatte er sich gegen den Medienmainstream deutlich und kenntnisreich positioniert. Er hatte seinen Kollegen immer wieder die Leviten gelesen.
Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte anlässlich des 90. Geburtstags des mit ihm befreundeten Journalisten gesagt: „Die Arbeit von Peter Scholl-Latour hat gezeigt, dass es möglich ist, sich gegen den Mainstream der öffentlichen Meinung zu stellen.“ Und gegen Ende seines eigenen langen Lebens resümierte der klar denkende Hanseat: „Viele Medien schreiben anders, als die Deutschen denken. Die Deutschen sind bei weitem friedfertiger als die Leitartikler in der WELT, der FAZ, der BILD und auch meiner eigenen Zeitung, der ZEIT.“

Immer wieder Russland
Ein sehr wichtiges Buchkapitel bilden die Seiten 93ff. Der Buchautor verteidigt in keiner Weise das Putin-Regime, macht aber als extrem gut informierter Medienexperte aufmerksam auf die augenscheinliche Manipulation der Meinungsmächtigen beim Thema Russland.
Wichtige Passagen aus diesem Kapitel:
„Der langjährige Chef- und Auslandskorrespondent des Bayerischen Rundfunks, Johannes Grotzky, fragt: „Warum gehen wir mit Amerika anders um als mit Russland, obwohl dieselben Fakten vorliegen? Putin, der Böse, weil er mal Geheimdienstchef war. Präsident Bush in Amerika war auch Geheimdienstchef, war Chef der CIA, aber man hat ihm niemals unterstellt, dass er deshalb besonders böse ist.“
„In Russland gibt es die Missachtung von Menschenrechten, aber Guantanamo ist eine wirklich permanente Missachtung von Menschenrechten. Russland hat die Todesstrafe abgeschafft, ist Mitglied des Europarats. Die USA erlauben die Todesstrafe, können daher nie Mitglied des Europarats werden…Es gibt keine Diktatur in Russland, es gibt keine Demokratie in der Ukraine. Es gibt einen autoritär strukturierten Staat in Russland, in dem alles – auch vom Meinungsspektrum her! – möglich ist, aber das Mehrheitsbild wird durch staatlich gelenkte Medien bestimmt.“
„Die meisten Medien haben sich also auf ein bestimmtes prowestliches Narrativ eingelassen. Hätten sie die relevanten Phänomene lückenlos zur Kenntnis genommen – den von Kiew als „Anti-Terror-Operation“ verbrämten Krieg im Donbass, unter dem vor allem die Zivilbevöl-kerung zu leiden hatte, das grauenvolle Massaker in Odessa, die riesigen Flüchtlingsströme nach Russland – hätten sie all das und viel mehr zur Kenntnis genommen und fair gewichtet, wäre das Narrativ kaum zu halten gewesen.“
„Der SPIEGEL-Titel „STOPPT PUTIN JETZT!“ markiert für Johannes Grotzky einen Tiefpunkt des deutschen Journalismus. Ebenso empörend findet er ein Interview, das DIE WELT am 7. Dezember 2014 publizierte. Die Schlagzeile lautete: „Würden Sie Krieg mit Russland führen, Frau Merkel?“ Man machte eine Interviewfrage zur Schlagzeile und nicht, wie es sich gehört hätte, eine Antwort der Interviewten. Erschwerend kommt hinzu, dass die Frage in dieser Form gar nicht gestellt worden war.“
Das medial konstruierte Bild ist so offenkundig einseitig und tendenziös, die ganze Situation so verfahren, dass pure Selbstverständlichkeiten inzwischen zu schieren Unmöglichkeiten geworden sind.“
Der Paradigmenwechsel
Da sich der Mainstream auffällig als geschlossene, interessengeleitete Formation präsentiert, laufen ihm große Teile der Kunden davon. Die gedruckte Zeitung steht fast vor dem Aus, das Ende einer Medien-Ära ist eingeläutet. Ulrich Teusch weist am Ende seines Buches auf erstklassige Nachrichtenportale und Blogs im Internet hin, dazu gehört u.a. das englischsprachige Programm von RUSSIA TODAY, das mit vielen renommierten Medienpreise prämiert worden ist, zuletzt mit dem „Webby Award“(in der Endausscheidung deutlicher Sieger vor den BBC NEWS, der NEW YORK TIMES, NBC und ABC)
Um ein Ende der etablierten Medien abzuwenden, müsste sich tiefgreifend etwas ändern, erklärt Teusch auf Kresse.de:
„Die Medien müssten sich auf breiter Front öffnen und ihre Integrationsfunktion wieder wahrnehmen. Aber darauf deutet nichts hin. Nehmen Sie die Debatte, ob erst die übermäßige Berichterstattung die AfD zum Erfolg geführt hat. Das ist der falsche Ansatz. Es geht nicht darum, ob Politiker dieser Partei zu oft in Talkshows sitzen. Die Fehler sind viel früher gemacht worden. Die Menschen fühlen sich mit ihren Sorgen, die die AfD nun artikuliert, seit langem ausgegrenzt. Jetzt hat sich ein Ventil geöffnet, und es ist zu spät. Anstatt zu integrieren und sich in Ruhe sachlich mit den Problemen zu beschäftigen, wurde das ignoriert und diffamiert, bis sich noch mehr aufstaute. Die Medien hätten ein Frühwarnsystem sein können, doch das wurde versäumt.“
„Lückenpresse“ ist ein exzellentes, meisterliches Aufklärungsbuch, das den Bürger wachrütteln müsste, sich von den Meinungsmachern zu distanzieren, die wichtige Fakten willkürlich interpretieren und zur Destabilisierung der Gesellschaft beitragen. Die Leitartikler der führenden Tageszeitungen, die maßgeblichen TV- und Rundfunkredakteure wären dringend verpflichtet, die Werthaltigkeit ihrer Tätigkeit zu überprüfen.
Es gibt zahllose erstklassige Satiresendungen in Deutschland, die offenbar nicht zum Umdenken der Politiker und ihrer Mediensklaven führen. Die vorsätzliche Verdummung der Bevölkerung ist ein Zeichen mangelhafter Geisteskultur.
Inhaltsverzeichnis und Leseprobe als PDF.
Literatur:
ARD & Co.: Wie Medien manipulieren
Was will Putin? von Stephan Berndt
Die einzige Weltmacht von Zbigniew Brzezinski
Die Tagesshow: Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht. von Walter van Rossum
Quellen: PublicDomain/de.sputniknews.com/epochtimes.de am 09.09.2016

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